Fetisch Blog — September 30, 2005, 9:20 pm

Monica Bonvicini, Domina der Kunstszene

Eine Preisvergabe lebt bekanntlich nicht nur von der Kunst, sondern vor allem von Skandaelchen. Als eine schwarzgewandete Madonna herself 2001 den renommierten britischen Kunst-Award “Turner prize” mit einem rotzigen “Right on, motherfuckers” kommentierte, da surrten die TV-Kameras, ueberschlugen sich die Schlagzeilen und die Verleihung war in aller Munde.

Von derartiger Publikumswirksamkeit kann der “Preis der Nationalgalerie fuer junge Kunst”, der sich am britischen Vorbild misst, einstweilen nur traemen. Vor allem nach der Blamage der Preisverleihung am Mittwoch abend. Dabei ist er mit immerhin 50 000 Euro hoeher dotiert als Turner.

Madonna kam zwar an diesem Abend nicht in den Hamburger Bahnhof, dafuer aber der Theaterschamane Christoph Schlingensief, der immer Schwung in die Bude bringt. Egal wie. Voraussetzung bei Einladung dieser Art ist, dass man weiss, dass man von ihm stets das bekommt, was man nicht erwartet.

So stieg er mit Wuselschopf und neuem Sakko brav aufs Podium, erklaert den Preis kurzerhand fuer ungueltig, weil es “in der Kunst keine Sieger” gibt, “die Kunst eh tot ist”, und das “leere Kanzleramt sowieso das groesste Kunstwerk dieser Republik” sei. Seine Performance, nur die wenigsten verstanden das. Die Laudatio wurde fortgesetzt von Staatsministerin Christina Weiss.

In diese Persiflage des Kunstbetriebes reiht sich die Siegerin mit ihrer Arbeit “Never again” ein. Zur Leistungsschau angetreten war sie zusammen mit John Bock, Angela Bulloch und Anri Sala. Allesamt Wahlberliner und auf dem internationalen Kunstparkett keine Unbekannten mehr.

In Bonvicinis raumfuellender Installation rasseln die Ketten gewaltig,
das schwarze Leder schwingt. Eine Sado-Maso-Spielwiese, Oesen und andere Schlingen moegen da schwarze Sehnsuechte befluegeln. Jedem das seine.
Knien, schaukeln, gretschen. Alle Positionen sind hier bei gnadenlosem Kunstlicht im musealen Darkroom des Hamburger Bahnhofs erlaubt. Doch die meisten Besucher stehen ein wenig ratlos davor. Darf man oder darf man nicht?
Wer haengt schon gern im Museum an schwarzen Fussfesseln.

Die Kuenstlerin als Domina des Kunstbetriebs, der sich die Kunst einverleibt und nach Belieben wieder ausspuckt? Rituale regeln den Kunstbetrieb als Wirtschaftsfaktor, Abhaengigkeiten die Verhaeltnisse: Auch die Kunst ist nur eine kleine Hure im großen eitlen Gesellschaftszirkus. Gibt es in der Kunst schlechten Geschmack? Will uns die 40jaehrige Italienerin, die in Berlin lebt, in Wien an der Akademie lehrt, dies alles sagen?

Die Ketten moegen zwar laut und cool klirren, doch das Versprechen wird nicht eingeloest. Die gute Frau ist selbst vitaler Teil der Szene, die sie ausstellt - und auch wunderbar bedient. Moncia Bonvicini hatte zu ihrem Sieg jedenfalls nur ein paar Worte zu sagen: “Let’s have a party!” Die Party war dann auch das Beste des Abends. Vielleicht klappt’s beim naechsten Mal besser.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51 - Tel.: 39 78 34 12
Bis 16. 10., Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa 11 - 20 Uhr, So 11 - 18 Uhr.

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